Millionen und Milliarden in der Überschrift aber was bedeutet das?

„50 Millionen Euro für Bau von neuen Studentenwohnheimen„, „Autokonzern Stellantis meldet 22 Milliarden Euro Verlust„, das sind Beispiele für Überschriften mit einer Zahl als Aufmacher. Man findet diese Nachrichtenartikel regelmäßig und sie werfen oft fragen auf.

Was Leserinnen und Leser sofort wissen, es geht um eine große Summe. Was sie aber nicht wissen, in welchem Kontext steht die Summe. Denn anders als bei Berichten über die Preise von Milch, Butter oder Benzin hat man im Alltag weniger oft mit Summen in dieser Größenordnung zu tun.

Welche Fragen werfen diese Überschriften also auf? Blicken wir zunächst auf den Artikel über Stellantis.

Stellantis ist einer der weltweit größten Automobilkonzerne, trotzdem bleibt die Frage, sind 22 Milliarden Euro für diesen Konzern Peanuts oder existenzbedrohend? Das wird im zugehörigen Artikel nicht wirklich eingeordnet. Gesucht wird nach Gründen und möglichen Folgen für die Zukunft, aber es gibt keine weiteren Vergleichszahlen. Als Mindestmaß an Einordnung sollte der aktuelle Umsatz und der Gewinn oder Verlust aus einem oder mehreren Vorjahren gennant werden. Ein zusätzlichen Service wäre ein Vergleich mit der Automobilbranche oder mit einem Wettbewerber. Der Umsatz für das Jahr 2025, auf das sich die 22 Milliarden Euro beziehen, lag bei knapp 154 Milliarden Euro. In den Vorjahren machte das Unternehmen einen Gewinn von 5,5 Milliarden Euro und 18,6 Milliarden Euro. Es kostet wenig Zeit diese Zahlen rauszusuchen, liefert aber schon einmal einen betrachtlichen Mehrwert für Leserinnen und Leser.

Beim Artikel über Studentenwohnheime ist die Einordnung schwieriger und die Überschrift wirft mehr Fragen auf: Wie viele Plätze sollen in den geplanten Studentenwohnheimen bereitgestellt werden? Wie viel haben andere Wohnprojekte – bestenfalls in ähnlicher Größenordnung – gekostet? Wie ist die Situation für Studierende? Werden Wohnheime benötigt?

Der Artikel vom SWR geht auf einige dieser Fragen ein. 1200 neue Wohnheimplätze sollen entstehen. Es wird nicht aufgeklärt, wo genau die Wohnheime entstehen sollen, gut ist allerdings ein Vergleich mit einem Wohnheim in Freiburg. Dort sind 138 Wohnplätze geschaffen worden, wobei das Land 7,6 Millionen Euro zugesteuert hat. Würde man diese Logik fortführen, wären die 50 Millionen Euro gut investiert: Denn bei 1200 Plätzen entspricht das Kosten von etwa 40.000 € pro Wohnheimplatz. Bei besagtem Projekt in Freiburg hat das Land 55.000€ pro Wohnheimplatz investiert.

Zum Vergleich habe ich mir auch Baukosten für Studentenwohnheime angeschaut. Bei einem Bauprojekt aus dem Jahr 2017 fielen knapp 90.000 € auf einen Wohnheimplatz an, bei diesem Projekt im Jahr 2014 waren es sogar 98.000 €. Die heutigen Baukosten dürften noch einmal deutlich darüber liegen. Diese Zeit bleibt natürlich im Redaktionsalltag selten. Für einen Nachrichtenartikel sind diese Zahlen nicht notwendig, in einer größeren Reportage könnte man sie einfließen lassen.

Zum Schluss liefert der Artikel noch einen Vergleich der studentischen Wohnsituation mit anderen Bundesländern. Baden-Württemberg hat für 14,6% seiner Studierenden einen Platz im Wohnheim, das sind mehr Plätze als in Bayern mit 9,4% und in Nordrhein-Westfalen mit 8,4%. Gut wäre noch die Nennung der Plätze insgesamt gewesen. In Baden-Württemberg gab es 2023 knapp 33.400 Wohnheimplätze.

Insgesamt liefert der Artikel aber eine gute Einordnung. Die Situation der Studierenden wird angerissen, die Zahl der geplanten Plätze wird geklärt und die Kosten werden relativiert. Eine Möglichkeit die Überschrift etwas greifbarer zu machen, wäre folgende gewesen: „Baden-Württemberg möchte 1200 neue Wohnheimplätze schaffen“. Diese Zahl zusammen mit einer späteren Nennung der vorhandenen Wohnheimplätze im Bundesland, würde Leserinnen und Lesern ein gutes Gefühl für die Größenordnung des Projekts geben.

Abschließend lässt sich sagen, große Summen in einer Überschrift gehen in Richtung „Superlativierung“. Leserinnen und Leser sollen durch die eine große Summe für einen Artikel begeistert werden. Das ist nicht immer schlecht, die Zahl sollte aber im anschließenden Text angemessen eingeordnet werden. In diesem Fall liefert nur ein Artikel eine gute Einordnung.

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