Über

Die Idee für „Zahlen im Journalismus“ entstand beim Autofahren. Im Radio liefen Nachrichten und berichtet wurde über eine Steuerschätzung des Bundes. Deutschland wird eine zweistellige Milliardensumme weniger zur Verfügung stehen. Das war der Aufmacher einer Nachricht, die ich im Laufe des Tages im wieder zu hören bekam. Jedes Mal wurde ich hellhörig und ich hoffte auf eine Einordnung. Mit wie viel weniger Steuereinnahmen rechnet der Bund denn? Sind es 5 Prozent, 10 Prozent oder gar noch mehr? Eine prozentuale Veränderung wurde im Radiobeitrag nicht genannt und ein Vergleich zu einer vorherigen Steuerschätzungen wurde ebenfalls nicht gezogen. Es wurde noch nicht einmal eine Zahl für die gesamten Steuereinnahmen gennant, um die Mindereinnahmen wenigstens etwas in Relation zu setzen. Das empfand ich als eine unzureichende Einordnung. Während der Fahrt hatte ich schließlich keine Möglichkeit mir die fehlenden Informationen zu besorgen.

Zuhause verschaffte ich mir später einen Überblick über Nachrichtenbeiträge zu besagter Steuerschätzung und wurde ebenfalls häufig enttäuscht. Die Überschriften wurden von der Zahl der Mindereinnahmen dominiert, aber Einordnungen im zugehörigen Text waren selten.

Seitdem habe ich vermehrt auf Zahlen in journalistischen Texten geachtet und festgestellt, dass es kein Einzelfall war. Besonders bei Berichten über Steuern, Staats- und Landeshaushalte oder einzelne Projekte aus diesen Haushalten werden Überschriften häufig mit einer Millionen- oder Milliardensumme gebildet, ohne dass die genannte Zahl im anschließenden Text eingeordnet wird. Berichte über einen geplanten Stellenabbau von Unternehmen nennen häufig nur die Zahl der geplanten Entlassungen und die Gesamtzahl der Mitarbeiter nicht.

Die Ursachen für fehlende Einordnungen können vielfältig sein. Von mangelnder Zeit im Redaktionsalltag, fehlenden Daten bis hin zum bewussten Auslassen von Kontext, um die Nachricht spektakulärer oder dramatischer wirken zu lassen.

Auch abseits von Politik und Wirtschaft gibt es Meldungen, die haupsächlich auf einer Zahl basieren: „RKI meldet 16.000 Hitzetote in diesem Sommer“, „Hunderttausende Hektar Wald brennen in Indonesien“ oder „Schweiz gibt zwölf Wolfsrudel zum Abschuss frei“. Gerade bei Themen, die im Alltag selten eine Rolle spielen, ist eine Einordnung wichtig. Bei den Hitzetoten wäre das zum Beispiel ein Vergleich mit anderen Jahren, beim Waldbrand kann man die Fläche in Relation zu Wäldern in Deutschland setzen und bei den Wölfen wollen Leserinnen und Leser auf jeden Fall wissen, wie groß die Wolfpopulation in der Region ist.

Mit diesem Blog möchte ich daher Beispiele sammeln von Artikeln, deren Nachrichtenwert von einer oder mehreren Zahlen dominiert wird. Anschließend möchte ich diese Zahlen einordnen und zeigen, wie meistens schon mit einfachen Vergleichen, ein großer Mehrnutzen für Leserinnen und Lesern erreicht werden kann. Es geht mir dabei nicht darum, Nachrichten als „Fake News“ darzustellen – die Zahlen sind schließlich überwiegend korrekt – sondern ich möchte Aufzeigen, wie eine bessere Einordnung von Zahlen in journalistischen Texten erreicht werden kann und wie auch die Überschriften verständlicher in ein Thema führen können. Gerade im Bezug auf Radio oder Social Media ist diese Einordnung wichtig, denn fehlender Kontext kann dort besonders schnell zu Fehlnterpretationen führen.

Es gibt viele Positivbeispiele, in denen Überschriften präzise gewählt und Zahlen gut eingeordnet werden. Bei der Nachricht über die Wölf hat der Spiegel beispielweise die Gesamtzahl von 36 Wolfsrudeln ebenfalls in die Überschrift geschrieben. In anderen Fällen gibt es eine passende Einordnung im Text, zur Zahl der Hitzetoten hat das ZDF einen Artikel mit umfangreichen Statistiken veröffentlicht. Auch dafür möchte ich diesen Blog nutzen und herausarbeiten, was eine gute Berichterstattung ausmacht.

Die Mindereinnamen des eingangs erwähnten Radiobeitrags waren übrigens 12,7 Milliarden und die gesamten Steuereinnahmen wurden damals auf 982,4 Milliarden Euro geschätzt. Umgerechnet betrugen die Mindereinnahmen also etwa 1,2 Prozent der Steuereinnahmen. Das macht die Nachricht zwar weniger spektakulär, aber es trägt zu einem besseren Verständnis bei. Und das ist ja auch die eigentliche Aufgabe von Journalismus.

Über mich:

Mein Name ist Mirko. Ich habe in Berlin Journalismus studiert und danach über vier Jahre in der Grafikredaktion der Deutschen Presse-Agentur gearbeitet. Mit den Grafiken habe ich genau den Kontext für Zahlen geliefert, den ich häufig in Nachrichten vermisse. Aktuell arbeite ich in der Presseabteilung einer Senatsverwaltung und beschäftige mich weiterhin täglich mit Nachrichten.